13. KAPITEL

 

DAS ERWACHEN AUS DER TRANCE

 

Die ersten, ganz unerwartet kommenden Worte sind stets dazu angetan, einen zu erschrecken. Hat sich aber der erste Schreck gelegt und gewinnt wieder die Vernunft die Oberhand, dann verraten einem Gehaben und Redeweise des Lauschers sehr viel. So war es auch in diesem Fall. An der Aufrichtigkeit von Margarets nächster Frage konnte ich nicht zweifeln.

»Mr. Ross, worüber haben Sie beide sich die ganze Zeit über unterhalten? Vermutlich hat Mr. Corbeck Ihnen seine auf der Suche nach den Leuchten erlebten Abenteuer erzählt. Mr. Corbeck, ich will hoffen, daß Sie auch mir eines Tages darüber berichten werden. Aber erst wenn es meinem armen Vater besser geht. Sicher würde er mir gern selbst von all diesen Dingen berichten oder dabeisein, wenn ich sie höre.« Ihr aufmerksamer Blick wanderte von einem zum anderen. »Ach, davon war also die Rede, als ich hereinkam? Gut also! Ich werde warten. Aber hoffentlich nicht zu lange. Denn die Dauer von Vaters Zustand zehrt anmir, das spüre ich. Eben jetzt hatte ich das Gefühl, daß meine Nerven am Ende wären. Ich faßte den Entschluß, einen kurzen Spaziergang im Park zu unternehmen. Das wird mir sicher guttun. Mr. Ross, ich möchte, daß Sie indessen bei Vater wachen. Es würde mich beruhigen.«

Ich sprang auf, voller Freude darüber, daß die Ärmste sich eine halbe Stunde an der frischen Luft gönnte. Sie sah sehr abgespannt und spitz aus, und der Anblick ihrer bleichen Wangen machte mir Herzweh. Ich ging also ins Krankenzimmer und nahm meinen gewohnten Platz ein. Mrs. Grant hatte eben Wachdienst. Tagsüber hatten wir es nicht für nötig befunden, mehr als eine Person für die Wache einzusetzen. Als ich nun kam, nahm sie die Gelegenheit wahr, sich ihren Haushaltspflichten zu widmen. Die Jalousien waren hochgezogen, durch die Nordlage des Raumes wurde der helle Sonnenschein von außen jedoch gemildert.

Lange Zeit saß ich da und dachte über all das nach, was Mr. Corbeck mir erzählt hatte. Dabei verwob ich die gehörten Wunder in das Gewebe seltsamer Dinge, die geschehen waren, seitdem ich das Haus betreten hatte. Zuzeiten war ich von Zweifeln geplagt. Ich zweifelte an allem und jedem, ich zweifelte gar die Fähigkeiten meiner Sinne an. Und immer wieder mußte ich an die Warnungen des erfahrenen Detektivs denken. Er hatte Mr. Corbeck als raffinierten Lügner und als Komplizen Miß Trelawnys eingestuft. Als Margarets Komplizen! Damit war alles entschieden! Angesichts einer solchen Vermutung, schwanden sämtliche Zweifel! Immer wenn mir ihr Bild, ihr Name, ja allein der Gedanke an sie in den Sinn kam, war es, als stünde sie vor mir. Ich hätte mein Leben für ihre Glaubwürdigkeit verwettet!

Ich sollte aus meinen Träumereien, die sich sehr bald in einen Traum von Liebe verwandelten, auf höchst unsanfte Art gerissen werden. Vom Bett her ertönte eine Stimme, eine tiefe, kräftige, herrische Stimme. Der erste Ton schon traf mich wie ein Trompetenstoß. Der Kranke war erwacht und hatte zu sprechen begonnen.

»Wer sind Sie? Was treiben Sie hier?«

Wie immer wir uns sein Erwachen vorgestellt haben mochten, kein Mensch hatte erwartet, daß er schlagartig aufwachen und wieder ganz Herr seiner Sinne sein würde. Ich war so überrascht, daß meine Antwort fast mechanisch kam:

»Ich heiße Ross. Ich habe an Ihrem Bett gewacht!«

Er schien zunächst erstaunt, dann aber merkte ich, daß er seiner Gewohnheit folgend, sich selbst ein Urteil bilden wollte.

»Gewacht?! Was soll das? Warum?« Sein Blick war auf seine dick bandagierte Hand gefallen. Und er fuhr in verändertem, weniger aggressivem Ton fort, so als nehme er die Tatsachen zur Kenntnis:

»Sind Sie Arzt?« Ein Lächeln lag mir auf den Lippen, denn die Erleichterung nach der langen Periode der Anspannung machte sich bemerkbar. »Nein, Sir!« gab ich zurück.

»Warum sind Sie dann hier? Wer sind Sie, wenn Sie kein Arzt sind?« Das klang wieder gebieterischer. Gedanken arbeiten blitzschnell. Die ganze Gedankenkette auf der meine Antwort beruhen sollte, durchflutete mein Bewußtsein, ehe ich die Worte über die Lippen brachte. Margaret! Ich mußte am Margaret denken! Das hier war ihr Vater, der von mir noch nichts wußte, ja der nichts von meiner Existenz ahnte. Es war ganz natürlich, daß er neugierig, ja gespannt war, warum ausgerechnet ich von seiner Tochter aus Ursache seiner Krankheit zum Freund erwählt worden war. Väter neigen natürlicherweise dazu, den Erwählten ihrer Tochter mit den Augen der Eifersucht zu sehen, und in meiner jetzigen Lage, da ich Margaret meine Liebe nicht erklärt hatte, durfte ich nichts unternehmen, was sie in eine peinliche Situation gebracht hätte.

»Ich bin Anwalt. Allerdings befinde ich mich nicht in dieser Eigenschaft hier, sondern einfach als Freund Ihrer Tochter. Gut möglich, daß es mein Beruf war, der sie bewog, mich ins Haus zu bitten, als sie fürchtete, man hätte Sie ermordet. In weiterer Folge war sie so gütig, in mir einen Freund zu sehen und bat mich zu bleiben – in Übereinstimmung mit dem von Ihnen selbst geäußerten Wunsch es möge jemand Wache halten.«

Bei Mr. Trelawny handelte es sich offensichtlich um einen Mann von schnellem Denkvermögen und wenig Worten. Er sah mich so scharf an, als könne er meine Gedanken lesen. Zu meiner großen Erleichterung ging er im Moment nicht weiter auf das Thema ein und begnügte sich mit meiner Erklärung. Der Grund hierfür lag tiefer und entzog sich meiner Kenntnis. In seinen Augen blitzte es auf, und sein Mund bewegte sich unwillkürlich – daß er gezuckt hätte, wäre schon zuviel gesagt. Es war jedenfalls ein Zug, der seine Befriedigung ausdrückte. Er schien zu überlegen und sagte plötzlich:

»Sie glaubte also ich wäre ermordet worden! War es vergangene Nacht?«

»Aber nein! Vor vier Tagen.« Er schien verwundert. Mittlerweile hatte er sich im Bett aufgesetzt, und es sah aus, als wollte er gar aufspringen. Nur mit Mühe hielt er sich zurück und sagte, sich in die Kissen zurücklehnend:

»Rasch, erzählen Sie mir alles, was Sie wissen! Alle Einzelheiten! Lassen Sie nichts aus! Erst aber schließen Sie die Tür ab. Ehe ich jemand anders zu Gesicht bekomme, möchte ich wissen, wie die Dinge stehen!«

Seine letzten Worte bewirkten, daß mein Herz einen Sprung tat. Er sah mich also als Ausnahme an! Ein tröstlicher Gedanke in meiner gegenwärtigen Gefühlslage seiner Tochter gegenüber. Hochgestimmt ging ich an die Tür und schloß leise ab. Als ich wieder ans Bett trat, hatte er sich aufgesetzt. »Fangen Sie an!« sagte er.

Nun berichtete ich ihm jede kleinste Einzelheit, alles was sich seit meiner Ankunft hier im Hause ereignet hatte. Natürlich sagte ich kein Wort von meinen Gefühlen für Margaret. Und von Corbeck sagte ich nur, daß er Leuchten gebracht hätte, nach denen er lange gefahndet hätte. Sodann berichtete ich von deren Abhandenkommen und dem Wiederauftauchen in diesem Haus.

Er hörte mir mit einer Beherrschung zu, die ich unter den gegebenen Umständen’ als schieres Wunder ansah. Dabei war es keine Teilnahmslosigkeit. Das gelegentliche Aufblitzen in seinen Augen und die heftig zupackenden Finger der unversehrten Hand, die die Decke zusammenknüllten, sprachen dagegen. Dies machte sich besonders bemerkbar, als ich ihm von Corbecks Rückkehr und dem Auffinden der Lampen im Boudoir erzählte. Manchmal sagte er etwas, aber immer nur ein paar Worte, und stets klang es unbewußt wie ein leidenschaftlicher Ausruf. Die rätselhaften Teile, die uns am meisten Kopfzerbrechen gemacht hatten, schienen ihn nicht sonderlich zu interessieren, so als wüßte er schon Bescheid. Die größte Gemütsbewegung aber zeigte er, als ich ihm von Daws Schüssen berichtete. Sein gemurmelter Kommentar: »dieser Esel!« im Verein mit einem hastigen Blick zu dem beschädigten Schrank zeigten das Ausmaß seiner Erbitterung an. Als ich ihm von der Besorgnis seiner Tochter erzählte, ihrer liebvollen Fürsorge, der zärtlichen Liebe, die sie bewiesen, schien er sehr gerührt. Das Flüstern, das sich ihm unwillkürlich entrang, ließ Erstaunen durchklingen: »Margaret! Margaret!«

Nachdem ich mit meinem Bericht bis in die unmittelbare Gegenwart vorgedrungen war, bis zu dem Augenblick nämlich, da Miß Trelawny sich zu dem Spaziergang entschlossen hatte – in Gegenwart ihres Vaters nannte ich sie in Gedanken »Miß Trelawny« und nicht mehr »Margaret« – schwieg er lange still. Plötzlich aber wandte er sich an mich und sagte drängend:

»Und jetzt erzählen Sie mir von sich!« Das kam für mich reichlich unerwartet, und ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Mr. Trelawnys Blick ruhte auf mir, gelassen und fragend, aber niemals in ihrer scharfen, seelenzergliedernden Beobachtung nachlassend. Die seinen Mund umspielende Andeutung eines Lächelns steigerte meine Verlegenheit, bedeutete aber andererseits auch eine Erleichterung für mich. Nun, ich sah den Schwierigkeiten meiner lebenslangen Gewohnheit folgend gerade ins Angesicht, und sagte:

»Wie ich schon sagte, heiße ich Ross, Malcolm Ross. Ich bin Anwalt und wurde im letzten Regierungsjahr der Königin bei Gericht zugelassen. Ich habe mich in meinem Beruf leidlich bewährt.«

Zu meiner Erleichterung sagte er:

»Ich weiß! Ich habe von Ihnen gehört! Wo und wann lernten Sie Margaret kennen?«

»Wir begegneten einander zum ersten Mal vor zehn Tagen im Haus der Hays am Belgrave Square. Und dann bei einem Picknick flußaufwärts in Gesellschaft von Lady Strathconnell. Wir fuhren von Windsor nach Cookham. Mar… ich meine Miß Trelawny saß in meinem Boot. Ich rudere hin und wieder ein wenig und besitze in Windsor ein eigenes Boot. Und da konnte es nicht ausbleiben, daß wir uns eingehend unterhielten!«

»Natürlich!« In seiner Antwort lag ein Hauch Spott, dies blieb aber die einzige Andeutung seiner Gefühle. Langsam bekam ich das Gefühl, daß ich in Gegenwart eines so kraftvollen Mannes, meine eigene Stärke ins Spiel bringen sollte. Meine Freunde und hin und wieder auch meine Gegner behaupten, daß ich über Kraft verfüge. Wenn ich mich in meiner jetzigen Lage nicht absolut aufrichtig zeigte, dann wäre es ein Zeichen von Schwäche gewesen. Also stellte ich mich der vor mir liegenden Schwierigkeit, jedoch stets die Tatsache vor Augen, daß meine Worte Margarets Glück wegen der Liebe zu ihrem Vater beeinflussen konnten. Ich fuhr also fort:

»Bei einem Gespräch, bei dem Zeitpunkt, Ort und Umgebung so überaus angenehm sind, ja in einer Abgeschiedenheit, die zu vertraulichen Geständnissen führt, durfte ich einen Blick auf ihr Innenleben tun. Einen Blick, wie ihn ein Mann meines Alters und meiner Erfahrung von einem jungen Mädchen erhaschen kann!«

Die Miene des Vaters wurde ernst, als ich fortfuhr, doch er sagte nichts. Was ich nun vorbrachte folgte einer einzigen Richtschnur, und ich tat mein Bestes, meine Gedanken klar auszudrücken, denn dies alles konnte ernste Folgen für mich haben.

»Es war nicht zu übersehen, daß sie einsam war und daß diese Einsamkeit ihr zu Gewohnheit geworden war. Und ich, der ich selbst als Einzelkind aufwuchs, konnte mich in ihre Lage gut hineinversetzen. So ermutigte ich sie, sich mir gegenüber frei zu äußern. Und wie glücklich war ich, daß sie es denn auch tat. Zwischen uns wuchs das Vertrauen.« Ihres Vaters Miene ließ mich eilends hinzusetzen:

»Sir, Sie können sich denken, daß nichts gesagt wurde, was nicht recht und billig gewesen wäre. Sie eröffnete sich mir in der überströmenden Art und Weise, wenn man sich danach sehnt, seine lange und sorgsam gehüteten Gedanken auszusprechen. So sprach sie von ihrem Verlangen nach mehr Vertrautheit mit ihrem Vater, den sie liebt, nach mehr Einblick in sein Leben, nach mehr Vertrauen von seiner Seite. Glauben Sie mir, Sir, was sie sagte war gut. Es war so, wie ein Vaterherz es sich wünschen oder erhoffen darf! Sie war ganz und gar loyal! Daß ich es war, mit dem sie sich aussprach, mag daher kommen, daß ich ihr fast fremd war und wir keine das Vertrauen hindernde Schranke zu überwinden hatten.«

Nun hielt ich inne. Es fiel mir schwer, fortzufahren. Und ich hatte Angst, Margaret womöglich einen schlechten Dienst zu erweisen. Wie erleichtert war ich, als ihr Vater sagte: »Und Sie?«

»Sir, Miß Trelawny ist liebreizend, ja schön. Sie ist jung, und ihr Wesen klar wie Kristall! Ihre Zuneigung bedeutet reine Freude! Ich bin zwar noch nicht alt, doch waren meine Gefühle nicht betroffen – bis zu jenem Augenblick nicht. So viel darf ich sagen, auch wenn ich es ihrem Vater sage!«

Ich senkte unwillkürlich den Blick. Und als ich wieder aufsah, blickte Mr. Trelawny mich mit gleicher Schärfe an. Alle ihm zur Verfügung stehende Liebenswürdigkeit schien sich in seinem Lächeln zu konzentrieren, als er mir die Hand mit den Worten entgegenstreckte:

»Malcolm Ross, ich kenne sie als tapferen und ehrenwerten Gentleman. Ich bin froh, daß mein Mädchen Sie zum Freund hat. Fahren Sie fort!«

Mein Herz tat einen Sprung. Der erste Schritt, Margarets Vater zu gewinnen, war getan. Ich darf wohl sagen, daß ich, als ich nun fortfuhr, in Worten und Gehaben mehr aus mir herausging, jedenfalls war mir so zumute.

»Es gehört zum Gewinn des Älterwerdens, daß man aus seinem Alter vernünftig Nutzen zieht. Ich verfüge über viel Erfahrung. Dafür habe ich gekämpft und gearbeitet. Und ich spürte, daß ich das Recht hatte, diese Erfahrung einzusetzen. Daher wagte ich die Bitte, Miß Trelawny solle auf mich als guten Freund zählen und auf meine Hilfe bauen, falls es sich als nötig erweisen sollte. Sie gab mir das Versprechen. Ich hatte ja keine Ahnung, daß sich die Gelegenheit dazu so bald und auf diese Weise bieten sollte. Und noch in der darauffolgenden Nacht erlitten Sie den schweren Schlag. Und in ihrer Angst und Verzweiflung ließ sie nach mir schicken!«

Ich machte eine Pause. Und als ich fortfuhr, hatte er nicht den Blick von mir gewandt.

»Als man den Brief mit Ihren Anweisungen fand, bot ich meine Dienste an. Mein Anerbieten wurde angenommen.«

»Und wie sind diese Tage für Sie verlaufen?« Seine Frage überraschte mich. Aus ihr hörte ich etwas von Margarets Ton und Gehaben heraus, etwas, das mich so stark an ihre unbeschwerteren Momente gemahnte, daß der Mann in mir angesprochen wurde. Ich fühlte nun schon viel festeren Boden unter den Füßen, als ich sagte:

»Trotz der quälenden Ängste, trotz des Kummers, den sie für das Mädchen brachten, das ich mit jeder Stunde lieber gewann, waren diese Tage für mich die glücklichsten meines Lehens!«

Daraufhin verfiel er in Schweigen. So lange, daß ich, während ich mit Herzklopfen auf sein nächstes Wort wartete, mich fragte, ob ich in meiner Offenheit zu weit gegangen wäre. Schließlich aber sagte er:

»Vermutlich ist es sehr schwierig, für jemanden stellvertretend so viel zu sagen. Margarets Mutter hätte Sie jetzt hören sollen, wie hätte sie sich darüber gefreut!« Ein Schatten huschte über sein Gesicht, und er fuhr hastig fort: »Aber sind Sie dessen so sicher?«

»Ich kenne mein Herz oder vermeine es zu kennen!«

»Nein, nein!« gab er zurück. »Ich meine nicht Sie. Das geht in Ordnung. Nein, Sie sprachen von der Liebe meines Kindes zu mir… und dennoch…! Und dennoch hat sie hier in meinem Haus ein ganzes Jahr verbracht… nun, Sie sprach zu Ihnen von ihrer Einsamkeit, ihrer Verlassenheit. Niemals – niemals sah ich ein Zeichen ihrer Zuneigung, nicht ein einziges Mal während des ganzen Jahres, es betrübt mich, dies zu sagen, aber es stimmt…!« Seine Stimme bebte, als er sich in trauriger Versonnenheit verlor.

»Dann war es mir vergönnt, in wenigen Tagen mehr zu erkennen, als Ihnen während eines ganzen Lebens!« sagte ich. Meine Worte schienen ihn zurückzurufen, und ich hatte das Gefühl, daß sich in ihm Freude mit Erstaunen mischten als er sagte:

»Ich hatte ja keine Ahnung! Ich glaubte, ich wäre ihr gleichgültig, glaubte gar, dies wäre nun die Strafe dafür, daß ich sie in ihrer Jugend vernachlässigt hätte, meinte gar, sie hätte ein kaltes Herz… Es ist für mich eine unaussprechliche Freude, daß sie, die Tochter ihrer Mutter, mich auch liebt!« Er ließ sich auf sein Kissen zurücksinken, verloren in Erinnerungen an die Vergangenheit.

Wie mußte er ihre Mutter geliebt haben! Es war die Liebe des Kindes dieser Mutter, die ihn rührte, nicht so sehr die eines eigenen Kindes. Mein Herz flog ihm in einer Woge der Sympathie und Zuneigung zu. Und ich fing an zu begreifen. Ich begriff das Wesen dieser zwei großen, wortkargen und zurückhaltenden Naturen, das den verzehrenden Hunger nach der Liebe des anderen so gut verbarg! Er nahm nicht weiter wunder, daß er schließlich vor sich hin murmelte: »Margaret, mein Kind! Zärtlich, rücksichtsvoll, stark, aufrecht und tapfer! Wie ihre teure Mutter!«

In diesem Augenblick freute ich mich aus ganzem Herzen, daß ich so offen gesprochen hatte.

Da sagte Mr. Trelawny unvermittelt:

»Vier Tage! Am sechzehnten! Dann haben wir heute den zwanzigsten Juli?« Ich nickte dazu. Er fuhr fort:

»Ich habe also vier Tage in Trance gelegen. Es ist nicht das erste Mal. Einmal lag ich unter seltsamen Bedingungen drei Tage lang in Trance, und hätte es selbst nicht gemerkt, wenn man mich nicht darüber aufgeklärt hätte, wieviel Zeit vergangen war. Eines Tages werde ich Ihnen das alles erzählen, wenn es Sie interessiert.«

Ich war vor Freude außer mir. Daß er, Margarets Vater, mich so in sein Vertrauen ziehen wollte, ließ es möglich erscheinen, daß…! Doch der sachlich-alltägliche Ton, in dem er nun sprach, ernüchterte mich jäh: »Ich muß jetzt aufstehen. Und wenn Margaret kommt, dann sagen Sie ihr selbst, daß es mir wieder gutgeht. Damit ersparen wir ihr einen Schock! Und würden Sie wohl so gut sein, Corbeck auszurichten, daß ich ihn so bald als möglich sehen möchte. Ich möchte seine Leuchten sehen und hören, war er dazu zu berichten hat.«

Seine Haltung mir gegenüber erfüllte mich mit Entzücken. Ich vermeinte, schwiegerväterliche Untertöne herauszuhören, die mir Beine machten. Ich lief also los, um seine Wünsche auszuführen. Kaum aber lag meine Hand auf der Türklinke, rief mich seine Stimme zurück:

»Mr. Ross!«

Das »Mister« wollte mir nicht gefallen. Nachdem er von meiner Freundschaft mit seiner Tochter erfahren hatte, hatte er mich »Malcolm Ross« genannt. Seine Rückkehr zur Förmlichkeit schmerzte mich und erfüllte mich mit einer Vorahnung. Es mußte mit Margaret zusammenhängen. Und jetzt weiß ich auch, was ich in diesem Augenblick fühlte: ich war entschlossen um sie zu kämpfen. Ich drehte mich um, mich unwillkürlich ganz aufrecht haltend. Mr. Trelawny, der unbestechliche Menschenkenner, schien meine Gedanken lesen zu können. Sein Gesicht, das bereits Zeichen erneuter Anspannung zeigte, wirkte gelassener, als er sagte:

»Setzen Sie sich noch einen Augenblick. Sprechen wir lieber jetzt gleich miteinander. Wir sind beide Männer von Welt, also sprechen wir von Mann zu Mann. Das alles, was meine Tochter betrifft, ist für mich neu und kommt unerwartet. Ich möchte genau wissen, wie und wo ich stehe. Bedenken Sie bitte, daß ich keinen Einwand mache. Doch als Vater habe ich Pflichten, schwere Pflichten, die sich als schmerzlich erweisen könnten. Ich – ich –«, er wußte nicht recht weiter, und ich schöpfte neue Hoffnung, »ich darf wohl annehmen, daß Sie, nach allem was Sie mir von Ihren Gefühlen für mein Kind sagten, wohl als künftiger Bewerber um Margarets Hand in Frage kommen.«

Ich antwortete ohne Zögern:

»Mein Entschluß steht absolut fest. Seit jenem gemeinsamen Abend auf dem Fluß war es meine Absicht, Sie aufzusuchen und zu fragen, ob ich mich mit dieser Frage an Margaret wenden dürfe – nach einer gewissen, den Anstandserfordernissen genügenden Zeitspanne, versteht sich. Die Ereignisse aber erzwangen eine engere Beziehung in viel kürzerer Zeit, als ich zu hoffen wagte. Doch meine Absicht blieb unverändert, ja sie nimmt an Heftigkeit mit jeder Stunde zu.«

Seine Miene wurde ganz sanft, als er mich ansah. Er wurde wohl von Erinnerungen an seine eigene Jugend übermannt. Nach einer Weile sagte er:

»Dann darf ich wohl annehmen, Malcolm Ross« – die vertrauliche Anrede erfüllte mich mit freudiger Erregung –, »daß Sie bislang zu meiner Tochter noch nicht von Ihren Absichten gesprochen haben?«

»Nicht in Worten, Sir«. Der Doppelsinn meiner Antwort zauberte ein ernstes, aber liebevolles Lächeln ins Angesicht ihres Vaters. Und in seiner Antwort lag Sarkasmus, als er sagte:

»Nicht in Worten! Das ist gefährlich! Worte hätte sie bezweifeln oder ihnen nicht trauen können!«

Ich spürte, wie ich bis zu den Haarwurzeln errötete, als ich fortfuhr: »Die Pflicht, angesichts ihrer hilflosen Lage Zurückhaltung zu üben, mein Respekt vor ihrem Vater – damals kannte ich Sie ja noch nicht persönlich – geboten mir Zurückhaltung. Aber auch ohne diese Hinderungsgründe hätte ich mich angesichts ihrer Kümmernisse und Ängste nicht zu erklären gewagt. Mr. Trelawny, ich geben Ihnen mein Ehrenwort, daß Margaret und ich, besonders, was sie betrifft, nicht mehr sind als gute Freunde!«

Wieder streckte er mir seine Hände entgegen, und wir wechselten einen warmen Händedruck. Daraufhin sagte er herzlich:

»Malcolm Ross, damit gebe ich mich zufrieden. Natürlich nehme ich an, daß Sie meiner Tochter gegenüber keinerlei Erklärung – in Worten – abgeben werden, ehe ich sie nicht gesehen habe und Ihnen dazu Erlaubnis gebe«, sagte er mit nachsichtigem Lächeln. Mit ernsterer Miene setzte er hinzu:

»Die Zeit drängt. Und ich habe Angelegenheiten so dringender und so außergewöhnlicher Natur zu bedenken, daß ich keine einzige Stunde mehr verlieren darf. Andernfalls hätte ich mich nicht in so kurzer Zeit und noch dazu mit einem mir fast unbekannten Menschen darauf eingelassen, über das zukünftige Glück meiner Tochter zu sprechen.« Sein Wesen, das von Würde und Stolz zeugte, beeindruckte mich ungemein.

»Ich werde Ihre Wünsche respektieren, Sir!« sagte ich und ging zur Tür. Ich hörte, wie er sie hinter mir abschloß.

Als ich Mr. Corbeck mitteilte, daß Mr. Trelawny wieder wohlauf sei, fing er einen Freudentanz an wie ein Wilder. Plötzlich aber hielt er inne und bat mich, ich solle Vorsicht walten lassen, wenn in Zukunft die Rede auf das Auffinden der Lampen oder auf die ersten Besuche im Grab käme.

Ich zeigte mich einverstanden, wenn ich auch den Grund für sein Verlangen nicht verstand. Immerhin wußte ich bereits, daß Mr. Trelawny ein eigenartiger Mensch war, und Zurückhaltung war keinesfalls ein Fehler.

Die anderen Hausbewohner nahmen die Nachricht von seiner Gesundung sehr unterschiedlich auf. Mrs. Grant weinte vor Freude. Dann eilte sie davon, um zu sehen, was sie plötzlich für ihn tun könne und um das Haus für den »Herrn« in Ordnung zu bringen. Die Krankenschwester machte ein langes Gesicht, denn sie war nun eines interessanten Falles beraubt. Doch war ihre Enttäuschung nur vorübergehend, und schließlich freute sie sich, daß die Anspannung vorüber war. Sollte sie gebraucht werden, würde sie sofort an der Seite des Patienten eilen. In der Zwischenzeit aber machte sie sich daran, ihre Reisetasche zu packen.

Ich nahm Sergeant Daw beiseite und führte ihn ins Arbeitszimmer, damit ich ihm ungestört die Neuigkeit beibringen konnte. Als ich ihm berichtete, wie das Erwachen vor sich gegangen war, war es sogar um seine eiserne Selbstdisziplin geschehen. Mich hingegen setzten seine ersten Worte in Erstaunen:

»Und wie hat er den ersten Überfall erklärt? Beim zweiten war er ja bewußtlos.«

Bis zu diesem Augenblick war mir die Natur des Überfalls, dessentwegen ich ja ins Haus gekommen war, gar nicht in den Sinn gekommen. Der Detektiv hielt wohl nicht viel von meiner Antwort: »Wissen Sie, daß mir gar nicht der Gedanke gekommen ist, ihn danach zu fragen?«

Sein Berufsinstinkt war überaus stark entwickelt und überlagerte alles andere:

»Das ist der Grund, warum so wenige Fälle bis ins letzte ergründet werden«, meinte er, »wenn nicht wir von der Polizei sie in die Hand nehmen. Ihr Amateurdetektive geht den Dingen nie auf den Grund. Kaum ist alles wieder in Ordnung und die Spannung dahin wird die Sache fallengelassen. Das ist wie bei der Seekrankheit«, fügte er nach einer Denkpause philosophisch hinzu. »Kaum setzt man den Fuß auf festen Boden, verschwendet man keinen Gedanken mehr daran und läuft zum Büffet, um sich vollzuschlagen! Na denn. Mr. Ross, ich bin froh, daß die Sache vorüber ist! Denn sie ist vorüber, was mich betrifft. Ich nehme doch an, daß Mr. Trelawny seine Angelegenheit selbst wahrnehmen kann. Vielleicht wird er gar nichts unternehmen, da er ja ein Ereignis dieser Art zu erwarten schien und die Polizei nicht um Schutz bat. Sicher wird es offiziell heißen, daß es ein Unfall war, ein Fall von Schlafwandlerei oder dergleichen, nur damit etwas in die Akten kommt. Damit ist die Sache abgeschlossen. Und ich sage Ihnen ehrlich, daß dies für mich die Rettung ist, denn ich glaube allen Ernstes, daß ich langsam den Verstand verloren hätte. Zu viele Geheimnisse, das ist nicht meine Linie. Damit gebe ich mich nicht zufrieden, wenn ich nicht die Ursachen und dahinterstehenden Tatsachen aufdecke. Jetzt ist es für mich damit vorbei, und ich kann mich wieder sauberer, gesunder kriminalistischer Arbeit zuwenden. Natürlich wird es mich sehr interessieren, falls es Ihnen glücken sollte, Licht in eines dieser Geheimnisse zu bringen. Und ich wäre Ihnen zu Dank verpflichtet, wenn Sie mich in Kenntnis setzten, wie der Mann aus dem Bett gezerrt wurde, als die Katze ihn kratzte, und wer das Messer beim zweiten Mal benutzte. Denn Kater Silvio kann es unmöglich gewesen sein! Aber sehen Sie selbst! Es läßt mich nicht los. Ich muß achtgeben und mich im Zaum halten, sonst verfolgt es mich noch, wenn ich schon längst mit anderen Fällen zu tun habe.«

Als Margaret von ihrem Spaziergang zurückkam, erwartete ich sie im Vestibül. Sie war noch immer blaß und bekümmert. Eigentlich hatte ich erwartet, sie strahlend und frisch zu sehen. Kaum aber hatte sie mich erblickt, erhellte sich ihre Miene, und sie warf mir einen fragenden Blick zu: »Haben Sie gute Nachrichten für mich?« fragte sie. »Geht es Vater besser?«

»Ja, richtig. Wie kommen Sie darauf?«

»Ich habe es ihnen angesehen. Ich muß sofort zu ihm!« Sie wollte davoneilen, da hielt ich sie auf.

»Er sagte, er wolle nach Ihnen schicken, sobald er angekleidet wäre.«

»Nach mir schicken?« wiederholte sie erstaunt. »Dann ist er wieder wach und bei Bewußtsein! Ich wußte ja nicht, daß es ihm schon so gut geht! O Malcolm!«

Sie ließ sich auf einen in der Nähe stehenden Sessel nieder und fing an zu weinen. Ich selbst war den Tränen nahe. Ihre Freude und Erregung, die Nennung meines Namens in diesem Augenblick und auf dieser Weise, die Aussicht, daß die köstlichsten Hoffnungen sich erfüllen könnten, das alles zusammen bewirkte, daß ich unmännliche Schwäche fühlte. Sie sah meine Gefühlsaufwallung und verstand. Ich umfaßte ihre ausgestreckte Hand und drückte einen Kuß darauf. Augenblicke wie diese, den Liebenden durch einen Zufall vergönnt, sind Geschenke der Götter! Bis zu diesem Augenblick hatte ich ja nur hoffen dürfen, obwohl ich wußte, daß ich sie liebte und glauben durfte, sie erwidere meine Gefühle. Nun aber wurde ihr Hingabe durch den Händedruck besiegelt, durch die Glut, mit der sie meine Hand umfaßte, das wundervolle Aufleuchten der Liebe in ihren schönen, tiefen dunklen Augen – das alles drückte so viel aus, wie der ungeduldigste und stürmischste Liebhaber erwarten durfte.

Es wurde kein Wort gewechselt. Es bedurfte auch keiner Worte. Auch wenn ich nicht verpflichtet gewesen wäre zu schweigen, hätten Worte meine Gefühle nur ungenügend und farblos auszudrücken vermögen. Hand in Hand wie kleine Kinder schritten wir die Treppe hinauf und warteten oben, bis Mr. Trelawny uns riefe.

Ich berichtete ihr, in dem ich die Worte in ihr Ohr flüsterte – das war hübscher, als laut und aus größerer Entfernung zu sprechen –, wie ihr Vater erwacht war und was er gesagt hatte, kurz, alles was zwischen uns gesprochen worden war mit Ausnahme, des Themas, das sie selbst betraf.

Schließlich wurde in seinem Zimmer eine Glocke geläutet. Margaret entglitt mir und warf mir, den Finger auf die Lippen gelegt, einen mahnenden Blick zu. Leise klopfte sie an.

»Herein!« sagte eine kräftige Stimme.

»Ich bin es, Vater!« In ihrer Stimme bebten Liebe und Hoffnung. Hastige Schritte wurden hörbar. Die Tür wurde aufgerissen, und gleich darauf lag Margaret in den Armen ihres Vaters. Gesprochen wurde nur wenig, es wurden nur ein paar abgerissene Sätze gewechselt.

»Vater! Lieber, lieber Vater!«

»Mein Kind! Margaret! Mein liebes Kind!«

»Vater, Vater! Endlich, endlich!«

Daraufhin betraten Vater und Tochter gemeinsam das Zimmer, und die Tür wurde geschlossen.

 

Die sieben Finger des Todes
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